Anders als geplant: Wiedersehen in…

…Ruanda

Pfarrer Heinz Vogel (Waldkirch)

Runda 2014 086Kanyarwanda beendet seine Prüfungen und wir werden mit Freunden zusammen den Urlaub in Deutschland verbringen. So war es geplant. Alles kam anders. Vor 14 Jahren war er hier in Freiburg zu einer Augenoperation. Ein tolles Zusammenspiel von Freunden, Ärzten und Klinik hatten dies ermöglicht. Die Operation brachte nicht den erhofften Erfolg. Doch vergebens war sie nicht. Kanyarwanda erblindete 1995. Zusammen mit seinen Eltern und seinem Bruder floh er aus dem Bürgerkrieg in Ruanda nach Uganda. Die Eltern und der Bruder starben. 1995 kam er als blinder Junge nach Ruanda zurück und fand seine Heimat im Jugenddorf. Dort lernte ich ihn im Mai 1996 kennen. Zusammen mit einem befreundeten Arzt unternahm ich meine erste Reise nach Ruanda auf Drängen von Pater Hermann. In seiner Art machte er mir klar, dass ich als Pfarrer dafür verantwortlich sei mich davon zu überzeugen, ob die Spendengelder für das Jugenddorf angekommen seien und richtig verwendet würden: „ Also, wann kommst du?“ – Als wir nach der Landung in Kigali ausstiegen und ich zum ersten Mal ruandischen Boden betrat, hatte ich das Gefühl nach Hause zu kommen. Ich konnte dies zunächst gar nicht zuordnen, was da in mir geschieht. Seither besuchte ich Musha immer wieder und es war immer wieder ein Nach-Hause-Kommen . Vor zehn Jahren zum letzten Mal. Jetzt hatten Freunde und ich wieder den Wunsch, Kanyarwanda nach der langen Zeit zu sehen und etwas gemeinsam zu unternehmen. Alles funktionierte.Pater Hermann nahm die Einladung mit nach Ruanda und Kanyarwanda beantragte das Visum.

Zeit vergeht. Ab jetzt lief alles nicht mehr wie geplant. Er bekam das Visum nicht. Bis heute kann ich nicht verstehen, was da schief gelaufen ist und warum die belgische Botschaft das Visum nicht erteiltel. Zumindest das Geld haben sie genommen. Zum Glück hatte ich für Kanyarwanda noch keinen Flug gebucht. Umdenken. Ich versuche Pater Hermann zu erreichen, um mit ihm nochmals die Situation abzusprechen. Im Gespräch wird klar: Ich fliege. Sofort mache ich mich daran einen Flug zu buchen: 5. bis 20. August 2014. Kurz vor der Landung eine Durchsage_ alle die in Ruanda aussteigen sollen daran denken, dass es hier ein Verbot für Plastiktüten gibt. Wer will, könne sie im Flugzeug lassen und erhalte eine Stofftasche. Upps – habe ich richtig gehört? In Europa diskutieren wir um die Verwendung von Plastiktüten, die Schäden von diesem Müll und hier in Ruanda gibt es die einfach nicht mehr. Die Sauberkeit finde ich bestechend. Vor zehn Jahren sah Kigali noch anders aus. Von den Gebäuden ganz zu schweigen. Im Jugenddorf angekommen erkenne ich alles wieder. Es ist ein Nachhausekommen. Mein gewohntes Schlafzimmer. Ist die Zeit stehen geblieben? Zwei aus Bayern sind auch da: Maria und Simeon. Wir werden uns in diesen Tagen gut anfreunden und vieles zu erzählen haben. Immer wieder kommen junge Erwachsene auf mich zu und fragen, ob ich sie noch kenne. So leicht ist es gar nicht, zehn Jahre zurück zu denken. Bei manchen sind es noch mehr Jahre, weil sie in der Zeit meiner Besuche irgendwo in Schulen waren. Faszinierend wie Kinder erwachsen werden, was sie machen, wie sie leben, sich arrangieren, Mutter, Vater geworden sind … Mit einigen ziehen wir los an die Grenze nach Tansania. Wir stehen an der neuen Brücke über den Fluss und blicken zum Wasserfall hinunter. Pater Hermann ruft den Bürgerkrieg ins Gedächtnis. Die vielen Toten, die hier in diesen Fluss geworfen wurden… Schweigen. 20 Jahre sind seither vergangen. Die Wunden liegen offen. Mir kommt die erste Zeit in Ruanda in Erinnerung: 1996. Zwei Jahre nach dem Krieg. Jetzt sind es 20 Jahre. Und das Land ist voller junger Menschen. Was ist die Zukunft für sie? Diese Frage lässt mich die ganze Zeit nicht los. So viele, die auf höhere Schulen gehen, studieren und qualifiziert sind. Was nun? Zwischendurch treffe ich Kanyarwanda. Er lebt in Kigali. Er beginnt im September, nach seinem Englischstudium an einer Art Pädagogischen Hochschule für einige Zeit zu unterrichten. Danach ist der Abschluss. Wir planen mit Maria und Simeon einige Tage am Kivu See zu verbringen. Und los geht’s. Mich beeindruckt wie Kanyarwanda mit seiner Blindheit lebt und wie er sein Leben arrangiert und zurechtkommt. Es sind beeindruckende Tage an einem wunderbaren Ort. An einem Nachmittag spielt er Gitarre und singt uns vor. Beim Spaziergang kommen wir bei Fischern vorbei, die gerade ihre Boote richten und reparieren. Kanyarwanda tastet ein Boot ab mit seinen Händen und stellt den Fischern Fragen. Ich verstehe leider alles nicht. Auf jeden Fall wird viel gelacht. Die Tage fliegen dahin. Intensives Erzählen, gehen, fotografieren, Zeit zum stillen Gebet und die Gottesdienste… Es tut gut. Letzter Tag im Jugenddorf, bevor ich weiterziehe und Freunde in Gitarama besuche. Wir spielen Volleyball. Meine müden Knochen werden gefordert von den doch gut trainierten Jungs. Simeon spielt auch mit. Was für ein Spaß. Ich habe schon lange nicht mehr Volleyball gespielt und so gelacht.

Die Zeit in Ruanda geht zu Ende. In zehn Jahren hat sich vieles verändert. Aus den Begegnungen heraus mit den Mädchen und Jungs von „damals“, den inzwischen Erwachsenen, bestätigt sich für mich, dass Pater Hermann damals eine gute Entscheidung getroffen hat dieses Jugenddorf zu beginnen und nicht zuletzt davon zu erzählen und zu sagen: „Wann kommst du?“ – Es sind Freundschaften gewachsen, die mein Leben geprägt haben und prägen und die Zeiten in Ruanda haben mich sehen gelehrt. Dazu gehört gerade auch der blinde Kanyarwanda.

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